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Stillen heute und früher

Das Stillen ist so alt wie die Säugetiere (ca. 180 Millionen Jahre).

 

Bis ins 19. Jahrhundert war das Stillen von Säuglingen die Norm. Konnte eine Frau nicht stillen, wurde ihr Baby von einer Amme gestillt. Das zeigen Berichte und Funde (z. B. Brusthütchen), aus römischer, ägyptischer und sumerischer Zeit.

 

In einigen Regionen Europas wurde vom 15. bis 19. Jahrhundert teilweise fast nicht gestillt, stattdessen wurden Babys mit artfremder Tiermilch mit Mehlbeimengung ernährt, was die Säuglingssterblichkeit stark erhöhte. Gründe hierfür waren die Notwendigkeit schnell wieder arbeiten zu müssen, eng geschnürte Kleidung, überhöhte Schamgefühle und auch das katholische Verbot zum Geschlechtsverkehr mit einer Stillenden.

Bis in die 50er Jahre gab es der Schweiz noch Ammen.

Im 20. Jahrhundert zeigte sich eine deutliche Veränderung der Stillhäufigkeit in den westlichen Ländern, bei einem Höchststand in den 30er Jahren, sank die Stillrate bis sie in den 70er Jahren ihren Tiefstand erreichte. Hierauf folgte ein Aufschwung des Stillens bedingt durch stillfördernde Maßnahmen. Es gründeten sich Vereine wie die La Leche Liga, später folgte die AfSdie das Stillen ehrenamtlich förderten und auch noch aktuell fördern und auch die Medizin erkannte zunehmend den Wert der Ernährung mit Muttermilch. 

Bis 1940 war das Stillen in benachteiligten Bevölkerungsschichten mehr verbreitet als in den privilegierten, diese Entwicklung kehrte sich in den 60er und 70er Jahren um. Die Ernährung eines Säuglings mit künstlicher Nahrung wurde durch die Fortschritte der Nahrungsmittelindustrie möglich (es gibt seit ca. 1920 industriell hergestellte Säuglingsnahrung auf Kuhmilchbasis) und wurde immer mehr zur Alternative zum Stillen.

Die Vorstellung, dass sich die Brust durch das Stillen negativ verändern könnte, mehr in das öffentliche sexuelle Interesse rückte und auch ein veränderter Lebensstil führte dazu, dass sich weniger Frauen für das Stillen entschieden. Durch diese Entwicklung gab es weniger stillende Vorbilder und die Weitergabe von Stillwissen von Frau zu Frau wurde schwieriger, es fehlte an Erfahrung. Zudem wurde durch Empfehlungen, wie die Trennung von Mutter und Kind nach der Geburt, feste Fütterungszeiten und die intensive Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten dazu beigetragen, dass das Stillen weiter verdrängt wurde.

 

Mit dem Ansteigen der Stillraten (4 von 5 Mütter beginnen heute in Deutschland mit dem Stillen, nach 4 Monaten stillen noch 1/3) und dem Wissen über den Wert der Muttermilchernährung steigt aber zugleich der Druck auf die Mütter, denn es ist, wie Remo Largo schreibt: ‚nicht weit zur Ideologie: Jede gute Mutter stillt ihr Kind. Doch nicht alle Frauen wollen und können stillen. (…) Für diese Frauen kann der Anspruch ‚jede Mutter kann stillen‘ zum psychischen Stress werden und Schuldgefühle auslösen.‘ Das Stillen ist heute in den bildungsnahen Schichten mehr verbreitet, als in den bildungsfernen (69% Stillende mit niedriger Bildung v.s. 95% bei hoher Bildung). Daher gilt es, aus meiner Sicht, Frauen darin zu unterstützen ihren individuellen Weg zu finden und ihnen die Informationen zukommen zu lassen, die sie für ihre Entscheidung und das Erreichen ihrer persönlichen Ziele benötigen, und ihre individuelle Lebenssituation zu berücksichtigen. Es ist inkonsequent die Wichtigkeit des Stillens zu betonen, aber zeitgleich nicht auch den Zugang zu wissenschaftlich fundiertem Wissen im Gesundheitswesen zu verbreiten und in der Bevölkerung zu etablieren.

 

 

Quellen:

Gynäkologie 1/2007 Dr. med. Cora Alexandra Vökt Oberärztin 

Gesund ins Leben

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